Ein Interview mit Yoko Yagihara, Musikerin und Performerin der neuen Toihaus Produktion „Stein sein“. Ein Klavierkonzert für alle ab 2 Jahren.
Yoko Yagihara ist Musikerin, Musikpädagogin und Performerin. Mit ihrer langjährigen Bühnenerfahrung verwandelt sie komplexe Fragestellungen in konkrete sinnliche Begegnungen. Mit ihrer Kunst schafft Yoko Yagihara Momente der Berührung, in denen Hören, Sehen und Spüren ineinanderfließen.
Geboren in Tokyo, studierte Yoko Yagihara dort Klavier sowie Musik- und Tanzpädagogik mit dem Schwerpunkt Schlagwerk am Mozarteum Salzburg. Neben diesen beiden Hauptinstrumenten spielt sie eine Vielzahl weiterer Instrumente. Seit 2005 ist sie für das Toihaus sowohl auf der Bühne als auch als Musikdramaturgin und Kunstvermittlerin tätig.
Ein Gespräch über die Entwicklung der Produktion, die Verbindungen zwischen den Steinen und den drei Klavieren aus unterschiedlichen Epochen, Yokos Kompositionsprozess und das Spielzeit-Thema Erdung.
Was war der Ausgangspunkt für „Stein sein“ und wie ist die Idee zu dem Stück entstanden?
Yoko: Die Idee entstand ursprünglich im Zusammenhang mit der Performance „Sanfte Steine“. Schon beim ersten Brainstorming war der Stein ein wichtiger Ausgangspunkt. Dabei kam bei mir die Vorstellung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft auf. Auch die drei Klaviere waren von Anfang an Teil dieser Überlegungen: drei Instrumente aus unterschiedlichen Epochen, die jeweils ihre eigene Geschichte und Erfahrung mitbringen.
Im Laufe der Entwicklung von „Sanfte Steine“ wurde der Stein aber immer stärker zum zentralen Material. Daraus entstand die Idee, die Arbeit mit den drei Klavieren als eigenständiges Stück weiterzuentwickeln. Die Klaviermusik konnte ich da bereits schon innerlich hören.
Wie ist das musikalisch für dich, mit drei unterschiedlichen Klavieren aus unterschiedlichen Epochen zu spielen?
Yoko: Jedes der drei Klaviere klingt anders. Obwohl es sich bei allen um Klaviere handelt, hat jedes seinen eigenen Charakter. Das fasziniert mich – ein bisschen wie bei Menschen: Wir haben vieles gemeinsam und sind trotzdem alle unterschiedlich. Es hat lange gedauert, die jeweiligen Klänge der drei Instrumente wirklich kennenzulernen und herauszufinden, was in jedem einzelnen Klavier steckt. Erst dadurch konnte ich sie für das Stück wirklich nutzen.
Und dann kommen neben den Klavieren noch die Steine dazu, die ihre eigene Geschichte erzählen. Wie ist das für dich als Musikerin mit diesem Material zu arbeiten?
Yoko: Der Zugang zu Materialien und die Frage, wie man sich in etwas anderes hineinfühlen kann, begleiten mich schon seit meiner Kindheit. Meine Mutter hat mich oft gefragt, was ich glaube, wie sich beispielsweise eine Blume fühlt, wenn ich sie pflücke. Diese Art von Empathie und die Frage „Wie spürst du das?“ ist für mich bis heute wichtig. Deshalb war es für mich nicht neu, mich auch in einen Stein hineinzuversetzen und mich zu fragen: Woher kommst du? Ich sehe mich dabei als eine Art Vermittlerin oder Gefühlsträgerin des Steins. Über die Musik versuche ich, eine Verbindung zwischen dem Material und dem Publikum herzustellen
Wie verbindest du das Material Stein mit dem Musikinstrument Klavier?
Yoko: Das Klavier spricht durch mich das aus, was die Steine zu sagen haben. Was ich daraus musikalisch entwickle, bleibt aber offen für das Publikum. Jede Person kann die Musik anders hören und darin etwas anderes finden. Genau das liebe ich an Musik und Kunst: Es gibt nicht nur eine richtige Antwort. Meine Gedanken und die Gedanken der Zuhörenden können zusammenkommen und daraus entstehen wieder ganz unterschiedliche Bedeutungen.
Ich habe gesehen, dass du ohne Noten komponiert hast. Kannst du uns ein bisschen in deinen Kompositionsprozess mitnehmen?
Yoko: Ich beginne oft mit der Frage: Wie fühle ich mich heute? Daraus entstehen unterschiedliche musikalische Ansätze. Am Anfang spiele ich frei, ohne Noten und ohne etwas festzulegen. Ich lasse meine Finger dorthin gehen, wohin mein Gefühl sie führt. Die Herausforderung ist dann, etwas, das zunächst ganz frei entsteht, wiederholbar zu machen. Deshalb habe ich begonnen, meine Ideen aufzunehmen und in meinem Kopf immer genauer zu fixieren. Für mich ist das ein bisschen wie ein Bild, das ich vor mir sehe. Irgendwann ist dieses Bild so klar, dass ich es musikalisch festhalten kann. Dabei hilft mir natürlich auch meine langjährige Erfahrung am Klavier: Meine Finger wissen, wie sie das umsetzen können, was ich in meinem Kopf höre.
Wie waren der Probenprozess und die Entwicklung des Stücks insgesamt für dich?
Yoko: Der Probenprozess war für mich sehr angenehm. Am Anfang war ich allein mit den Steinen und den Klavieren und konnte mich ganz auf meine künstlerische Arbeit konzentrieren. Besonders wichtig war das Vertrauen von den künstlerischen Leiterinnen Cornelia Böhnisch und Katharina Schrott, die mir den Raum gegeben haben, meinen eigenen Prozess zu entwickeln. Wenn ich einmal nicht weiterkam, konnte ich Abstand gewinnen, nach Hause oder in den Park gehen, Kinder beobachten und einfach den Kopf frei bekommen. Das hat mir Mut gegeben und ich konnte wieder in den Prozess zurückfinden.
Sehr wertvoll war auch die Möglichkeit, jederzeit Unterstützung von den Kolleg:innen zu bekommen. Eigentlich arbeitet man als Künstlerin oft allein, aber wenn man Hilfe braucht, ist es schön, ein Team zu haben, das da ist. Das habe ich als großen Luxus empfunden.
Was kann das Publikum bei „Stein sein“ erwarten?
Yoko: Ich glaube, dass es heutzutage etwas Besonderes ist, einfach nur zuzuhören. Durch die neuen Medien ist unsere Welt sehr visuell geworden. Wir sind es gewohnt, Dinge zu sehen, sie einzuordnen und dadurch Klarheit zu bekommen. Gleichzeitig können gerade Kinder noch sehr gut zuhören, ohne etwas sehen zu müssen. Sie können sich auf etwas einlassen, das nur über das Hören entsteht. Das finde ich sehr schön.
Mit „Stein sein“ möchte ich genau das ansprechen. Ich möchte nicht erwarten, dass das Publikum auf eine bestimmte Weise zuhört, sondern vielmehr daran erinnern, dass wir diese Fähigkeit haben. Gerade Kinder haben noch so viele Möglichkeiten, auf diese Weise wahrzunehmen – und ich wünsche mir, dass sie sich das bewahren und weiterführen.
Das diesjährige Spielzeit-Thema im Toihaus ist „Erdung“. Was bedeutet „Erdung“ für dich und wo findet sie sich in „Stein sein“ wieder?
Yoko: Erdung verbinde ich mit einem natürlichen Kreislauf: Regen fällt auf die Erde, die Erde wird nass, die Sonne kommt, Wasser verdunstet, der Wind bewegt die Bäume und irgendwann kommt der Regen wieder zurück. Es ist ein ständiger Wechsel zwischen nass und trocken, Bewegung und Ruhe. In diesem Natursystem sind Steine für mich etwas sehr Beständiges. Sie sehen und spüren alles. Der Stein ist Teil dieser Welt und trägt seine eigene Geschichte in sich. Dadurch entsteht für mich eine spannende Verbindung zwischen dem Stein, der Natur und dem Thema „Erdung“.
„Stein sein“ in einem Wort?
Yoko: Herz.
