Kommentar in der Krise

Beitrag vom 26.05.2020

ISOLATION – Zur Hölderlin-Plakatserie am Toihaus

Als „Wandergefährte“ der Spielzeit 2019/20 wählte das Toihaus-Theater Salzburg den Dichter Friedrich Hölderlin, dessen Geburtstag sich dieses Jahr am 20. März zum 250. Mal jährte. Eröffnet wurde die Spielzeit im Oktober 2019 mit dem Stück „Heilige Wildnis“, das auf Grundlage von Hölderlins Hymnen-Fragment „Tinian“ erarbeitet wurde. Im Jänner 2020 folgte dann die Premiere eines dreiteiligen Antigone-Abends, der sich intensiv mit Hölderlins Biographie und seiner Antigone-Übersetzung auseinandersetzte.

Dass Theater als Spiegel der Gesellschaft fungieren kann und sich im Spiel bereits zukünftige Entwicklungen erahnen lassen, wurde uns in der Corona-Quarantäne-Zeit erneut bewusst: So war nicht nur der mythologischen Figur der Antigone, die aufgrund der Missachtung der königlichen Gesetze lebendig eingemauert wurde, der Zustand der Isolation mehr als vertraut, auch Hölderlin lebte für die letzten dreißig Lebensjahre fernab vom öffentlichen Leben in einem Turmzimmer in Tübingen, nachdem er als „unheilbar wahnsinnig“ stigmatisiert wurde.
Auch wir befinden uns seit Mitte März im Zustand der Isolation, die Bühne ist geschlossen. Doch Theater ist soziale Interaktion, lebt von dem Zusammenspiel zwischen Künstler*innen und Publikum. Aufgrund der Corona-Pandemie können wir zwar diese Spielzeit keine Stücke mehr auf der Toihaus-Bühne zeigen, doch machen wir mit unserer Plakatserie die Stadt zu einer Bühne. Auch hier begleitet uns Friedrich Hölderlin mit seinen Worten, sie spenden Mut und Kraft, die wir unseren Mitmenschen mit auf den Weg geben wollen.

„Wo aber Gefahr ist, wächst Das Rettende auch“
Dieses Zitat stammt aus Hölderlins Hymne „Patmos“, die nach der gleichnamigen griechischen Insel benannt ist. Im christlichen Kontext gilt die Insel als Schöpfungsort der Johannes-Offenbarung und wird somit zum Zufluchtsort gedanklicher Innerlichkeit. Zugleich ist sie aber auch durch die apokalyptische Krisensituation gekennzeichnet, die eben in jener Schrift des Johannes prophezeit wird. Hölderlins „Patmos“ kann als Trostgedicht verstanden werden, als ein Entwurf einer neuen, idealistischen Geschichtsphilosophie – denn es beschreibt den Moment des Abgrundes, der aber die Wende zur Rettung bringt.

„Es lebte nichts, wenn es nicht hoffte.“
Hoffnung nimmt eine zentrale Rolle in Hölderlins Werk ein. Dies mag kaum verwundern, handelt es sich gerade bei Hölderlin um einen der verkanntesten Dichter abendländischer Poesie: Im Schatten von Goethe und Schiller suchte Hölderlin kompromisslos und fernab geltender Konventionen nach einem neuen Zugang zur Literatur, deren Modernität erst im 20. Jahrhundert begriffen wurde.

„Wie der Sternenhimmel, bin ich still und bewegt.“
Auch ist es kein Zufall, dass das Toihaus Friedrich Hölderlin als „Wandergefährten“ wählte. Gerade der Wanderer ist ein stets wiederkehrendes Motiv in Hölderlins Œuvre, er wird bei ihm zur Chiffre des Schriftstellers an sich. Weder an Ort noch Zeit gebunden, ermöglicht die Dichtung eine imaginäre Reise, die auch mit Ausgangsbeschränkung stets möglich ist. Übrigens: Die zwei anderen Zitate unserer Plakatserie stammen aus Hölderlins sehr lesenswerten Briefroman „Hyperion“. Nachdem seine Geliebte Diotima gestorben und Hyperion viel Leid im Krieg erfahren hatte, zieht er sich zurück und lebt von nun an als Eremit in Griechenland. Von dort aus schreibt er Briefe an seinen Freund Bellarmin, in denen er aus seiner selbsterwählten Isolation über sein bisheriges Leben reflektiert. Gerade in der Schönheit der Natur findet Hyperion zu sich selbst, überwindet in Anbetracht ihrer schöpferischen Kraft die Trauer und Angst, die im Alleinsein liegt.

Text: Felicitas Biller

 

Beitrag vom 07. 05. 2020

Insight Kurzarbeit im Toihaus 

Die Kunst- und Kulturszene ist bei der Bewältigung der aktuellen Situation mit einer Herkulesaufgabe konfrontiert: Die derzeitigen Bestimmungen für einen Veranstaltungsbetrieb sind unklar bis widersprüchlich. Perspektiven oder Strategien für das Hochfahren des Kulturbetriebs nicht wirklich in Sicht. Besonders problematisch: Je länger dieser Zustand andauert, desto prekärer wird´s für einen größtenteils ohnehin schon prekär arbeitenden Wirtschaftszweig. Gerade das Thema Kurzarbeit zeigt große Ambivalenz: Kann diese im administrativen Bereich von Kulturbetrieben arbeitsplatzrettend eingesetzt werden, passen die Auflagen mit den Verhältnismäßigkeiten künstlerischer Verträge überhaupt nicht zusammen. Was bedeutet Kurzarbeit im Toihaus? Ein kleiner Insight, der einige Hauptprobleme darstellt, denn wir sind aus vollem Herzen Veranstalter*innen und Theatermacher*innen, aber eben auch Arbeitgeber*innen:

Was ist Kurzarbeit und was bedeutet diese fürs Toihaus?
Kurzarbeit ist darauf ausgelegt, keine Kündigungen aussprechen zu müssen und ständiges Personal über die Krise hinaus weiter zu beschäftigen. Künstler*innen sind im Toihaus Theater zwar immer angestellt, aber meistens nur für bestimmte Projekte, d.h. befristet und oft in Teilzeitpensen, da sie noch andere Jobs haben.
Die Kurzarbeit federt in diesen Fällen nur die Zeit bis vier Wochen vor Vertragsende ab. Der Passus, dass die Dienstnehmer noch einen Monat regulär angestellt sein müssen nach Beendigung der Kurzarbeit lässt die Realität in der Kulturszene ausser Acht. Dieser Monat wird vom Dienstgeber voll bezahlt, im Falle eines Theaters in Kombination mit dem Veranstaltungsverbot ohne Möglichkeit auf Gegenleistung, weil nicht gespielt werden darf.

Also Anstellung «vs.» Honorarverträge? Gibt es Regelungen für Gagen?
Für Gagen gibt es keine Regelung. Bezahlt man ausgemachte Gagen, z.B. für Vorstellungen, die abgesagt werden mussten, kriegt man dafür keinen Ersatz. Wird die Veranstaltung verschoben, fällt die Gage ein zweites Mal an.
Künstler*innen bestreiten ihr Einkommen meist aus verschiedenen Engagements und unterschiedlichen Vertragssituationen. Eine unbürokratische Lösung wie das bedingungslose Grundeinkommen würden deshalb enorme Ressourcen in der Administration sparen und den kreativen Köpfen der Gesellschaft über die Krise helfen.

Was wären Lösungen?
Dass ein umfassendes Konjunkturpaket für den Kulturbereich endlich konkretisiert und rasch in Angriff genommen wird. Denn der Großteil der Akteur*innen in Kunst und Kultur arbeitet prekär. Eine unbürokratische Lösung wie das bedingungslose Grundeinkommen würden deshalb enorme Ressourcen in der Administration sparen und den kreativen Köpfen der Gesellschaft über die Krise helfen.
Weil, wie die künstlerische Leiterin vom Toihaus Theater Cornelia Böhnisch sagt: «Man kann ja gerade jetzt sehen, dass Künstler*innen sowieso arbeiten. Dann könnte man sie doch auch dafür bezahlen, dass sie die Gesellschaft bei Laune halten!»

 

Beitrag vom 23.03.

Erste Woche Lockdown – ein Resumée

Die vielen Fragen, die uns seit dem stetigen virulenter Werden der Krise täglich beschäftigen, hat unsere administrative Leiterin Karin Bitterli als ein Resumée dieser ersten Ausnahme-Woche in filmischen Q&A´s für Euch zusammengestellt. Damit möchten wir Euch auch einen kleinen Einblick geben, wie wir im Toihaus mit der aktuellen Situation umgehen.