Zur Toihaus-Saison 2019/2020

Wir wandeln in heiliger Wildnis

Uns rauschen noch die Ohren!

Das letzte Jahr raste an uns vorbei und trotzdem waren wir mitten drin. Wir sind gefühlt mit 180 über die Autobahn gebrettert und haben dabei noch versucht, die Außenspiegel zu putzen. Im Sommer mussten wir ranfahren, durch-atmen. Hinter uns ein Wirbelsturm, der neue Farben und Geschmäcker hervorgebracht hat, die nun allmählich ihren Platz finden.

Wer sind wir, was machen und was wollen wir?

Wir wollen raus aus dem stickigen Auto. Noch ein schneller Blick auf die Rückbank: eine beschriebene Krawatte und eine Gummihand vom letzten Jahr. Wir stecken sie in unsere Taschen, wer weiß, wofür wir sie noch brauchen werden. Von draußen winkt uns die Ikebana-Meisterin Makiko Yagihara zu, zeigt uns lebende Blumen und Zweige. Wir folgen ihr, verlassen das Fahrzeug und gehen in die Natur: Zwischen Apfel und Baum kriecht eine Schnecke gemächlich ins Universum.

Wege ins Unwegsame

Im Wald finden wir Ruhe, riechen das lebende Holz und blicken in die vor uns liegende Wildnis: Ein Ort, den wir erforschen wollen! Neugierig lassen wir uns fallen, hoffen, verborgene Rhizome zu entdecken. Dann stocken wir: Kann man sich überhaupt in eine Wildnis begeben oder verschwindet sie im Moment des Betretens? Kann Wildnis nur Wildnis für sich sein – ohne den Menschen? Ist es möglich, aus den Augen einer Pflanze zu blicken?

Ver-wir-rung?

Aufgewühlt tasten wir uns weiter auf der Suche nach vergessenen Heiligtümern:

Aber was ist heilig, was verehren wir? Gibt es noch unberührte Refugien – eine heilige Wildnis? Wir schweigen, denn uns fehlen die heiligen Namen. Fragend blicken wir nach oben, Nebel kommt auf, die Konturen verschwimmen. Wir nehmen uns an der Hand und verschwinden in der Unschärfe. Wo verläuft die Grenze zwischen uns und unserer Umwelt? Wo beginnen wir und wo die Natur?

Im Holz

Auf einmal steht vor uns eine merkwürdige Gestalt: ein lebender Toter? Er lächelt uns freundlich an, nennt seinen Namen: Friedrich Hölderlin, aber wir dürfen Scardanelli sagen. Dann hebt er an: „So lange noch eine Melodie mir tönt, so scheu ich nicht die Totenstille der Wildnis unter den Sternen.“ Er scheint von einem anderen Stern zu sein. Hat etwa die Schnecke da ihre Fühler im Spiel?

Wir wollen mehr wissen und fragen, ob wir ihn ein Stück begleiten dürfen. Er nickt zögerlich. In seinem Einbaum fahren wir zur Südsee-Insel Tinian. Liegt hier die heilige Wildnis?

Ungeheuer ist viel. Doch nichts Ungeheuerer als der Mensch.

Verdutzt schauen wir uns um, als wir anlegen: Das hatten wir uns aber anders vorgestellt! Am Strand sammelt sich der Plastikmüll, geschwind kramen wir die Gummihand raus und stopfen mit ihr ein paar alte Plastikplanen ins Gepäck. Die Straßenpromenade ist gesäumt von heruntergekommenen Hütten und schwach

flackernden Casinos, die von guten Tagen ahnen lassen. Am Horizont erstreckt sich eine alte Militäranlage, uns wird mulmig zumute: Kriegen wir nicht genug?

Wie angewurzelt bleiben wir vor einer betonierten Grube stehen, sie wird von einem
Glassarg überdeckt – davor das Schild: Little Boy, 6. August 1945.

Süß ists zu irren

Irritiert wenden wir uns ab, folgen sprach-los unserem Fremdenführer ins Innere der Insel, hinein in die holde Wildnis. Vor uns bäumen sich die Ruinen eines alten Steinpalasts auf, riesige Felsstatuen blicken uns fragend an. „König Taga, noch nie gehört…“, denken wir uns heimlich. Scardanelli zwinkert uns verschmitzt zu und flüstert: „Das Eigene muss so gut gelernt sein wie das Fremde.“

Morgenstern am Horizont

Es beginnt zu dämmern, wir gehen weiter den Waldweg entlang und schauen der Sonne zu, die wie ein Feuerball im Meer versinkt: ein ewiges glühendes Leben? An einem großen Trichter aus Fels-gestein, den die Meereswellen seit Gezeiten aushöhlen, bleiben wir staunend stehen. Auf einmal schießt aus ihm eine riesige Wasserfontäne! Wir werden platschnass, blicken uns an und müssen lachen. Selbst der Mond tropft und wir merken, dass es Spaß macht, mit Wasser zu kochen.

Ein frischer Blick auf das, was wir sehen

„Und was treibt euch hierher, in die entlegensten Enden des Geisterlandes?“, fragt unser seltener Begleiter auf dem Rückweg zu seinem Einbaum. „Gemeinsamschwesterliches!“, entgegnen wir ihm freudig. Scardanelli bekommt große Augen, blickt uns staunend an, fragt dann ganz unvermittelt: „Und was macht ihr beruflich?“

„Wir machen Kindertheater auch für alleinstehende Erwachsene.“

Unsere Antwort scheint ihm zu gefallen, ein mildes Lächeln breitet sich über sein knorriges Gesicht. Er reicht uns seine Hand, gemeinsam betreten wir sein Schiff. „Tempo Tempi!“, pfeift es aus Scardanellis Lippen und der Einbaum legt ab. Wir lassen uns treiben, blicken verwundert in den end-losen Sternenhimmel und schließen unsere Augen.

Komm! Es war wie ein Traum!

Als wir sie wieder öffnen, finden wir uns in unserem Auto am Straßenrand wieder, in unserer kleinen Box mit Fenster. War das alles nur ein Traum? Wann sind wir eingeschlafen? Auf der Rückbank liegt die Gummihand, sie hält eine zerknüllte Plastikplane fest umschlossen. Verrückt, vielleicht stimmt’s auch nicht… Nachdenklich stecken wir den Schlüssel in die Zündung, drehen unsicher am Zünd-schloss und der Motor startet.

 aus: Editorial im Programmheft Oktober – Dezember 2019, Text: Felicitas Biller

 

Zeit zum Übersetzen

Unruhig bleiben?

Die Reise zur Insel Tinian führte uns in die heilige Wildnis und scheint gerade mal einen Wimpernschlag entfernt. Was war das für ein ungeheurer Ort, der uns zugleich inspirierte und irritierte? Wir kneifen die Augen zusammen und für einen Moment schärft sich der Blick:

Wollten wir es diesmal nicht ruhiger angehen, achtsamer sein gegenüber der Raserei? Unser Wander-gefährte Hölderlin kommt uns in den Sinn – seine Geleitworte klingen in uns nach: „Ruhet wohl!

Ihr seid der Ruhe wert!“ Aber vielleicht geht es gerade um die Suche nach der ewigen Ruhe, die nur in permanenter Unruhe zu finden ist.

Tempo Tempi!

Also: Wie weitermachen, welches Tempo wählen? Wir spüren den Rhythmen nach, folgen den Klängen, die mal laut, mal leise in uns schwingen. Versuchen bedächtig weiter nach vorne zu preschen und setzen nochmal alles auf Anfang: Scheint nicht auch der Sternenhimmel über uns zugleich still und bewegt? Über die Windschutzscheibe des Autos kriecht besonnen eine Schnecke und schaut uns fragend an – war diese Hausbewohnerin nicht schon letztes Jahr da?

„Leise wie das Mondlicht“

Gedankenversunken fahren wir im Auto die Straße entlang, hinein in die Nacht. Nach einer Weile kommen wir an eine Kreuzung mit einem großen Stopp-Schild. Sollen wir die Richtung ändern oder einfach weiter geradeaus? Intuitiv halten wir uns links und biegen in eine kleine, verborgene Feldstraße ein. Vorsichtig rollen wir über den Waldweg, die Kieselsteinchen schlagen wie leise Regentropfen gegen den Radkasten. Allmählich werden wir langsamer, halten schließlich an und schalten den Motor aus. Der Mond scheint weißlich in unsere kleine Box mit Fenster, rückt die Dinge in ein neues Licht. „Ich sah einmal ein Kind die Hand ausstrecken, um das Mondlicht zu haschen; aber das Licht ging ruhig weiter seine Bahn“, flüstert eine vertraute Stimme von der Rückbank.

Umwendung

Erstaunt drehen wir uns um: Dort sitzt Hölderlin und lächelt uns verschmitzt an. „Was machst du denn wieder hier, wie bist du so unbemerkt ins Auto gekommen?“, schießt es aus uns heraus. „Es ist ganz, was es ist, und darum ist es so schön“, gibt der eigensinnige Begleiter rätselhaft zur Antwort. „Ach, eigentlich spielt das ja auch keine Rolle – schön dich wiederzusehen, wir hatten dich schon vermisst!“, entgegnen wir freudig verlegen.

„Als hätten wir alles gefunden“

Wir bemerken in seinem Schoß ein altes Buch, darauf steht in fremden Buchstaben: „Σοφοκλῆς: Ἀντιγόνη“. Neugierig fragen wir nach, was es mit diesem Buch auf sich hat. Er öffnet es behutsam und erzählt uns vom alten Griechenland, von Antigone und ihren Geschwistern, von Ödipus. Wir blicken in Hölderlins Augen: Fast scheint es so, als zeichnet sich darin Antigones Silhouette ab. Oder ist es doch ein Turm? Eingezimmert erahnen wir das unsäglich Geteilte.

Ein weites Feld

Wir brauchen frische Luft, steigen aus und gehen auf den Acker, der sich
vor uns ausbreitet. Gemeinsamschwesterlich beginnen wir ihn zu durchpflügen, graben uns ein in die darunterliegenden Schichten. Dann ertasten wir ein tiefreichendes Wurzelwerk, ergreifen es und werden selbst ergriffen. Hölderlins Stimme dringt an unser Ohr: „Wer bloß an meiner Pflanze riecht, der kennt sie nicht, und wer sie pflückt, bloß, um daran zu lernen, kennt sie auch nicht.“

Wir setzen über

Wir streben aus der anderen Welt zurück in diese und tauchen aus der Fremde auf. Wahnsinn – ist das der Ausweg aus einer verrückten Welt? Die Dämmerung bricht ein, suchend schauen wir uns um: doch von unserem Weggefährten keine Spur. Aufgekratzt kehren wir zum Auto zurück, dort finden wir hinter dem Scheibenwischer einen kleinen Zettel: „Es scheiden und kehren im Herzen die Adern und einiges, ewiges, glühendes Leben ist Alles. So dacht‘ ich. Nächstens mehr.“

aus: Vorwort im Programmheft Jänner- März 2020, Text: Felicitas Biller

 

 

Spielplan Jänner

DatumUhrzeit / OrtProduktion
Do 16.01.19:30Antigone - Antigonos - Antigonä (PREMIERE)
Fr 17.01.19:30Antigone - Antigonos - Antigonä
Mo 20.0118:00Zu Gast: PNEU / Romana Nagabczynska
Mi 22.01.18:00Zu Gast: PNEU / Mette Edvardsen
Fr 24.01.18:00Zu Gast: PNEU / Raquel André
Sa 25.01.18:00Zu Gast: PNEU / Raquel André
So 26.01.15:00Der Mond tropft (AUSVERKAUFT)
Mo 27.01.15:00Der Mond tropft
Fr 31.01.19:30Antigone - Antigonos - Antigonä

Wir sind Viele

Das Toihaus solidarisiert sich mit der Aktion DIE VIELEN

WIR SIND VIELE – JEDE*R EINZELNE VON UNS!

Solidarität statt Privilegien.
Es geht um alle.
Kunst und Kultur bleiben frei.

DIE VIELEN_AT sind ein Zusammenschluss von Aktiven der Kulturlandschaft in Österreich. Sie organisieren Aktionen, Happenings, Veranstaltungen, die sich gegen Hass wenden und bieten als aktives Netzwerk eine Plattform zur Vernetzung im Sinne einer Solidarisierung an. Die Vielfalt von DIE VIELEN spiegelt sich in der Vielfalt der aktiven Mitglieder. Eine Teilnahme von Künstler*innen aller Sparten sowie Mitarbeiter*innen unterschiedlichster Funktionen der Kulturinstitutionen und Kunstuniversitäten ist deshalb für die Arbeit von DIE VIELEN_AT ebenso wichtig wie die Zusammenarbeit mit anderen Initiativen, die sich gegen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, Rassifizierungen etc. engagieren. DIE VIELEN_AT sind keine Interessensvertretung der beteiligten Institutionen und Einzelpersonen, vielmehr engagieren sich die VIELEN_AT gemeinsam und ehrenamtlich für eine solidarische, offene Gesellschaft. Die Mitarbeit an DIE VIELEN_AT steht allen offen, die Theater und Kunst machen, um für eine plurale, gerechte Gesellschaft einzutreten, in der Marginalisierung und Rassifizierung aufgelöst und unterschiedliche Bedürfnisse und Fähigkeiten von Menschen bedacht werden.

www.dievielen.at