„Der Roman hat mich schon gefunden, bevor es ihn selbst gab“

Die Salzburger Regisseurin und Dramaturgin Felicitas Biller hat aus dem Roman „Die guten Tage“ von Marko Dinić in Zusammenarbeit mit dem Autor eine Bühnenfassung erstellt. Die Uraufführung am Toihaus Theater war ursprünglich für Frühjahr 2020 geplant, wegen der Corona-Krise musste die Produktion vorerst verschoben werden. Nun werden „Die guten Tage“ filmisch umgesetzt und ab Mittwoch, 2. Juni 2021, 20:30 Uhr, online zur Aufführung gebracht.

Video-on-Demand-Tickets sind auf toihaus.at in Kürze erhältlich!

Diese Toihaus-Produktion konnte mit freundlicher Genehmigung des Zsolnay Verlages realisiert werden.

 

Im Gespräch mit Johanna Breuer verrät Regisseurin Felicitas Biller Näheres zur Erstellung der Bühnenfassung und der Videoproduktion.

 

Hast Du den Stoff (Roman) gefunden oder er Dich?

Die Frage ist gar nicht so leicht zu beantworten, ich würde sagen sowohl als auch. Der Roman ist ja stark von Markos Biografie geprägt und Marko und mich verbindet eine lange Freundschaft: Wir kennen uns vom Germanistik-Studium in Salzburg und haben bereits in dieser Zeit viele künstlerische Projekte gemeinsam umgesetzt. Auch reisten wir zusammen mehrmals nach Belgrad, dort lernte ich u.a. seine Familie und Freunde kennen. In der Zeit, als Marko die Arbeit an seinem Roman begann, wohnten wir gemeinsam in einer WG in Salzburg. Wir, also der Roman und ich, kommen somit quasi aus der gleichen „Stube“. Wenn man soll will, könnte man sagen: Der Roman hat mich schon gefunden, bevor es ihn selbst gab.

Wie gingst Du an die Erstellung der Bühnenfassung heran? 

Nach der mehrfachen Lektüre des Romans habe ich mich zunächst recht formal dem Stoff genähert und die einzelnen Kapitel im Hinblick auf die inneren und äußeren Geschehen analysiert und zusammengefasst. Der aus dieser Arbeit entstandene Strukturplan ermöglichte mir einen Überblick über das Wesen des Romans, also über Aufbau, Figuren, Motive, Handlungsstränge etc. Zudem hatte ich den Luxus, bei Fragen zu dem Text mich direkt an den Autor wenden zu können.

Im nächsten Schritt habe ich versucht, die zentralen Elemente des Romans in Szenenform zu bringen, dabei halfen mir auch sehr gemeinsame Gespräche mit den mitwirkenden Künstler*innen, in denen wir uns gemeinsam diesem Projekt genähert haben. Auch hat sich nach den ersten Online-Probenwochen im März 2020 noch Einiges an der ersten Bühnenfassung verändert, da sich im Hören die Dinge anders verhalten als im zuvor rein Gelesenen. Papier und Bühne sind ja doch recht unterschiedliche Orte. Nun formt sich die Bühnenfassung zu einer Filmfassung – eine erneute Transformation also, die wiederum einen neuen Fokus und eine neue Konzeptionierung verlangt. Alles in Allem ist es eine lange Übersetzungsschleife, die die gesamte Produktion begleitet.

Auf welcher Basis fällt die Entscheidung, wie viele Personen im Stück spielen/auftreten?

Die Entscheidungsbasis bildete meine künstlerische Herangehensweise, wie der Roman auf die Bühne gebracht werden kann und soll, auch wenn das zur Verfügung stehende Produktionsbudget in solche Entscheidungsprozesse natürlich miteinfließt. Ich finde, „Die guten Tage“ lassen sich anhand von drei Figuren auf der Bühne zeigen: Im Zentrum steht der namenlose Protagonist und zugleich Erzähler des Romans. Um ihn kreisen mehrere Figuren – sie sind für mich entweder Licht- oder Schattengestalten und lassen sich in diese beiden Prinzipien aufspalten.

Welche Recherchen waren hilfreich für Dich?

Da gibt es Einiges: Im November 2019 reiste ich mit einem Teil des Produktionsteams mit dem Auto nach Belgrad, diese Stadt ist ja ein zentraler Handlungsort des Romans. Dort sammelten wir Sound- und Videomaterial, das in die Inszenierung miteinfließen wird, und ließen uns von dieser unglaublich spannenden Stadt inspirieren. Ich selbst war ja schon mehrere Male in Belgrad, erstmals 2013, und staune immer wieder, wie schnell sich einerseits diese Stadt verändert und andererseits welche Narben bis heute noch zu sehen sind. Belgrad ist für mich ein Ort, an dem sich geschichtliche und gesellschaftliche Entwicklungen unvermittelt zeigen und das teilweise mit großer Brutalität. Beispielweise wird am Ufer der Save gerade ein fragwürdiges Bauprojekt, die sogenannte „Waterfront“, umgesetzt: Hierfür wurden die Roma und Sinti, die sich am Fluss mühsam ihren provisorischen Lebensraum schafften, vertrieben und alles mit Bulldozern plattgewalzt – jetzt ragen dort dem Stadtbild äußerst befremdliche Luxus-Wolkenkratzer in die Höhe, deren Wohnungen sich kaum jemand leisten kann. Auf das Schicksal der in Belgrad lebenden Roma und Sinti geht auch Marko in seinem Roman eindringlich ein.

Außerdem habe ich mich ausführlich mit den historischen Fakten des Balkans auseinandergesetzt, die ja leider in unserem Lehrplan – ich selbst bin in Deutschland zur Schule gegangen – viel zu kurz kommen, obwohl sie eine zentrale Stellung auch in unserer Geschichte einnehmen. Dieses Defizit wollte ich unbedingt ausgleichen! Die jüngste Geschichte des Balkans bildet nicht zuletzt ebenso im Roman den Ausgangspunkt der zentralen Konflikte, auch wenn darauf nicht immer explizit eingegangen wird. Meiner Ansicht nach wird bis heute in unserem öffentlichen Diskurs weitestgehend verdrängt, dass in der Zeit, in der wir das Ende des Kalten Krieges und die Wiedervereinigung gefeiert haben, im Balkan Krieg und grauenhafte Zustände herrschten. Die gängige Behauptung, dass Europa seit dem Zweiten Weltkrieg in Frieden lebe, zeigt eben auch den Unwillen unserer Auseinandersetzung mit den Verbrechen, die in den 90ern vor „unserer Haustür“ passierten und die wir auch lange Zeit passieren ließen. Die Tatsache eines brutalen Krieges passt nicht in unsere Erzählung eines friedlichen, von Verbrechen und Hass geläuterten Europas nach 1945.

Am Cast des Stückes lässt sich ablesen, dass Musik und Video eine große Rolle in der Inszenierung spielen wird. Wie hat sich dies ergeben und was dürfen wir uns dazu vorstellen?

Mir ist es wichtig, die verschiedenen Ebenen des Romans zu zeigen. Gerade die Musik spielt eine entscheidende Rolle in den „Guten Tagen“, begleitet den Protagonisten auf seiner inneren und äußeren Reise. Musikstücke, die in Form von Zitaten im Roman immer wieder auftauchen, bilden eine Art zweite Heimat für den Protagonisten, geben ihm Kraft und formen teilweise seine Identität. Das will ich auch auf der Bühne zeigen. Zudem erzählt Marko unglaublich filmisch, er beschreibt in seinem Roman äußerst detailliert die Orte, Figuren und Stimmungen. Auch tauchen im Text immer wieder Formulierungen auf wie: „Wie in einer Dauerschleife wiederholte sich vor meinen Augen ein und derselbe Film“ oder „Sie muss sich wie im falschen Film vorkommen“ – dies lese ich als inszenatorische Hinweise. Zudem nimmt die mediale Manipulation im Balkan-Krieg eine zentrale Stellung ein, die stets wiederkäuenden Berichte im Fernsehen dienten der nationalen Propaganda und schürten den Hass gegen „die bösen Anderen“.  Gerade diese mediale Vereinnahmung, für die der Balkan Krieg exemplarisch steht, ist in meinen Augen ein entscheidender Faktor, der in vielen Konflikten unserer Zeit eine wesentliche Rolle einnimmt.

Bei der Verfilmung von Romanstoffen / Literatur heißt es oft, dass der Film nicht an den Roman heranreicht. Wie denkst Du analog dazu an das Verhältnis Romanvorlage – Bühnenfassung?

Natürlich hoffe ich, dass ich Markos Roman mit meiner Inszenierung gerecht werde. Ein Roman bietet andere künstlerische Möglichkeiten als eine Theaterbühne oder der Film – jedes Medium hat seine Stärken und Schwächen. Das Schreiben einer Bühnenfassung ist immer ein Übersetzungsprozess und ich möchte mit meinen „Guten Tagen“ dem Publikum einen Blick auf diese Geschichte geben, der einerseits meine Lesart des Romans zeigt, aber auch andererseits über den Roman hinaus auf das verweist, was zwischen den Zeilen steht.

Danke für das Gespräch!