Vier mythische Archetypinnen und jede Menge Frauenpower

Im Gespräch mit dem Kollektiv DIVA über „the string revolution“

Die Uraufführung von „the string revolution“ war eigentlich für den 20. November 2020 im Toihaus geplant. Covid-19-bedingt konnte diese vorerst aber noch nicht stattfinden. Umso mehr freuen wir uns daher, dass wir im Toihaus-Blog nun ein Gespräch über „the string revolution“ mit dem Kollektiv DIVA, mit Katharina Augendopler, Agnes Distelberger, Anna Josefine Holzer und Katharina Frieda Meier präsentieren dürfen.

Wie würdet Ihr „the string revolution“ beschreiben? Worum geht´s?

„the string revolution“ ist ein Versuch, den weiblichen Zyklus und die verschiedenen Phasen innerhalb eines Frauenlebens, symbolisiert durch die vier mythischen Archetypinnen „Jungfrau, Mutter, Hexe und Alte“ als wiederkehrenden Rhythmus musikalisch, tänzerisch und darstellerisch zu interpretieren. Durch das wiederkehrende Element des Spinnens werden Frauenschicksale miteinander verwoben. Einzelne Phasen/ Soli enden in einer Verbindung zueinander, in der Wiege des Menschseins, unabhängig vom jeweiligen Geschlecht.
Wir kennen das einfach auch gut aus unseren Biografien: Jede durchläuft ihren eigenen Prozess, jede „spinnt“ vor sich hin, in ihrer Stube und dann ist es auch wieder wichtig, gemeinsam in Austausch zu kommen. Im Prozess zu unserem Stück hat sich diese Vorgangsweise auch so gezeigt.

Wie werden die Verbindungen der verschiedenen Rollen, die die Frau in ihrem periodischen Zyklus als „Jungfrau, Mutter, Hexe, Alte“ durchlebt, dargestellt?

Eine wichtige Frage für uns war: Wie war das damals? Wie ist das heute? Was dürfen oder was müssen „wir“ zeigen? Die Intimität der Frau wird zum Thema gemacht. Wir zeigen unterschiedliche Frauenbilder auf, die plakativ, subtil, persönlich, chargiert, traditionell,…gezeichnet sind und drehen diese Werte in sich um. Dass sich in unserem Stück so viel um Weiblichkeit dreht, ist uns eher „passiert“ und war in diesem Ausmaß gar nicht geplant. Wichtig ist uns aber auch zu sagen, dass es nicht um die Ausgrenzung des männlichen Geschlechts geht. Im Gegenteil: In unserer Recherche stießen wir immer wieder auf männliche Qualitäten und deren Aufgaben damals und heute. Das Bühnenbild und die Kostüme von Marie Katharina Fischer symbolisieren auf zarte Weise traditionelles Handwerk sowie die Endlichkeit der Zeit.

Welche Zusammenhänge haben euch interessiert?

Im Vordergrund unseres Stücks steht die Frau und mit ihr die einzelnen Lebensphasen,  „Jungfrau, Mutter, Hexe, Alte“. Jeder einzelne Teil steht für sich, doch die Verbindung und das Durchleben aller vier Phasen schafft die Gesamtheit von Weiblichkeit. Wir haben uns individuell, aber auch als Kollektiv tiefgehend mit diesen vier Phasen eines (Lebens-/Perioden-)Zyklus befasst und weitere Inhalte und Zusammenhänge daraus erschlossen. Bilder, die aus unserem tiefsten Inneren kommen, verspinnen sich mit denen unserer Ahninnen und mit gesellschaftlich geformten, normativen Rollenbildern, die am Ende als dargestelltes Spektrum gezeigt werden. Uns haben hier Fragen interessiert, die insbesondere mit dem „Frausein“ innerhalb einer „Leistungsgesellschaft“ zu tun haben: „Frausein“ mit all den Zyklen, mit der Blutung, mit unterschiedlichen Energie-Niveaus, die oftmals nicht genug Zeit und Beachtung erfahren: Was sind die Folgen davon? Wie würden wir es gerne erleben und was braucht es dafür? Der Faden/das Garn zieht sich dabei immer durch. Die Zeit ist vereinendes Element.

Was sind Eure Einflüsse? Wie habt Ihr Euch vorbereitet? Wie recherchiert?

Unser gemeinsamer Einfluss ist das breite, vielfältige Studium der Tanz- und Musikpädagogik am Orff-Institut am Mozarteum Salzburg. Dort liegen unsere gemeinsamen Wurzeln, die sich durch das Verweben von Tanz, Musik, Rhythmus und Sprache auszeichnen. Wir denken in der Stückerarbeitung immer stark den Sound und die musikalische Dramaturgie mit. Und wir machen vieles selbst: Wir singen und musizieren live auf der Bühne und kreieren die Kompositionen selbst. Und jede von uns hat so ihre künstlerischen „Spezialitäten“, die wir gut aufeinander abzustimmen versuchen.

Die Vorbereitung war sehr individuell und hat bereits vor anderthalb Jahren begonnen. Wir sind auf Forschungsreisen gegangen: Anna in Bulgarien, um dortige Gesänge und Tänze kennenzulernen. Agnes war in Süditalien und hat sich sehr intensiv mit dem „Tarantella“-Tanzritual auseinandergesetzt. Katharina A. hat sich mit der deutschsprachigen Militär- und Blasmusikkultur beschäftigt und Katharina Frieda hat das Spinnen an der Handspindel erlernt und sich mit Mythen, Märchen und Sagen rund um die Thematik „Spinnen“ und „Weiblichkeit“ beschäftigt. Das hat sich dann als roter Faden im Stück fortgesetzt. Ein Buch, das uns hier begleitet hat ist „Roter Mond“ von Miranda Grey. Sie beschreibt darin, wie in früheren Zeiten Frauen ihren Menstruationszyklus als Quelle kreativer, spiritueller, sexueller, emotionaler… Energie genutzt haben. Der Zyklus galt als Geschenk und als Möglichkeit für Frauen, sich Monat für Monat zu erneuern. Mithilfe seiner Kraft gestalteten sie die Welt um sich herum und traten mit ihr und mit allen lebendigen Wesen in Verbindung. Dieses alte Wissen ist bis heute in unseren Mythen und Märchen verfügbar und von hier haben wir die 4 Archetypinnen „Jungfrau, Mutter, Hexe/Zauberin und Alte“ übernommen, welche als vier Repräsentantinnen während eines Monatszyklus, als Beispiel für die unterschiedlichen Phasen der Frau von Zyklus zu Zyklus auftreten.

Ein weiteres Buch, das für uns eine wichtige Inspiration war, ist: „Women’s Work: The First
20 000 Years – Women, Cloth and Society in Early Times“ von Elizabeth Wayland Barber. In diesem Buch wird u.a. beschrieben, inwiefern das Handwerk des Spinnens an der Handspindel den evolutionären Verlauf der Menschheit nachhaltig und tief gehend beeinflusst hat.

Für was steht das Kollektiv DIVA? Was wollt Ihr vermitteln? Was (noch) erfahren?

Das Kollektiv DIVA steht für den Diskurs von diversen Frauenbildern der Gegenwart, Zukunft und Vergangenheit. Unser Ziel ist es, weibliche Potentiale aufzuzeigen und sie sichtbar, hörbar und spürbar zu machen. Wir beschäftigen uns mit Brauchtum in der Alpenregion und unsere Recherchen ziehen weiter über die Länder Europas. Unsere Forschung zum Thema Brauchtum in Europa hat erst begonnen und wird uns noch einige weitere Jahre begleiten, um Neues zu entdecken.
„DIVA“ stammt vom Lateinischen „divus“ – göttlich. Die Diva als Göttin wurde aus mündlichen Überlieferungen wegen ihrer künstlerisch-schöpferischen Energie verehrt und mit zahlreichen Tänzen und Gesängen zelebriert. Die Zeremonien sollten die wilde Energie in der Frau freisetzen, um Schöpfungskräfte hervorzurufen.

Vielen Dank für das Gespräch. Wir freuen uns schon sehr auf die Uraufführung von „the string revolution“ im Toihaus!

 

Kollektiv Diva