Gegen Warten

„Und wir: Zuschauer, immer, überall“

Not-Stopp?

Die Alarmleuchte in unserem Auto blinkt auf, als wir es wieder starten wollen.
Ein kurzer Blick ins Handbuch verrät: Die Fahrt geht vorerst nicht mehr weiter.
Das Auto muss in die Werkstatt, wir rufen einen Abschleppdienst. Nach einer halben Ewigkeit in der Warteschleife erfahren wir, dass leider alle Leitungen belegt sind –
wir sollen es später erneut versuchen, dann ein Knacken… Na toll, und jetzt?
Wir haben doch so viel vor! Aber was soll man tun in einem stehengebliebenen Auto in heiliger Wildnis? Fragend blicken wir uns um und an: Tätiges Nichthandeln.

Wu wei

Also gut: Keine Panik, erst einmal in Ruhe nachdenken, die Gedanken ordnen – ohne Tempo. Wir stellen uns auf eine Nacht im Auto ein, denn die Busse fahren erst morgen wieder. Schlafsack und Klopapier sind im Kofferraum, aber der Magen rumort. Hungrig wühlen wir uns durchs Auto auf der Suche nach Nahrung. Im Handschuhfach finden wir ein paar Reisbällchen, außerdem eine Packung Mozartkugeln – unwillkürlich beginnen wir zu lachen: Ob das auch gemeinsam schmeckt? Zumindest ist beides rund! Neugierig sagen wir „Itadakimasu“ und beißen herzhaft zu.

Neue Wege gehen

Wir klappen die Sitze zurück, legen uns mit Ungewissheit schlafen. Unbequeme Fragen drängen sich auf: Was haben wir noch in der Hand? Was können wir jetzt ausrichten? Und wie hilft uns die Kunst zukünftig weiter? Dann ein Ahnen: Vielleicht führt uns ja genau dieser Umweg zum Ziel. Wir atmen aus, werden still, schließen die Augen und beginnen zu träumen: Von guten Tagen, davon, dass sich auch alles ohne Absicht fügen wird. Denn wir sind nie im Zweifel, was wir zu tun haben.

Am nächsten Tag

Seltsam aufgewühlt erwachen wir am nächsten Morgen. Wir rufen erneut bei der Hotline an, doch die ist immer noch besetzt. Gut, dann halt ohne Auto, das hat ja früher auch geklappt. Wir steigen aus, folgen dem Zickzackweg und versuchen uns zu orientieren: Wo stehen wir jetzt und wo ist unser Zuhause? Dann fällt uns unser Traum wieder ein: Geduldig setzen wir die Einzelteile zu einem neuen Bild zusammen und erkennen die Zukunft im Gegenwärtigen.

aus: Vorwort im Programmheft April – Juni 2020, Text: Felicitas Biller